Extra Garn

Bild: Verlag Freies Geistesleben

Das Mädchen Annabelle findet eine Kiste voll Garn und beginnt sich einen Pullover zu stricken, der ihre graue Welt ein wenig bunter macht. Da noch Garn übrig ist, bestückt sie ihren Hund Max auch mit einem Pullover. Die beiden fallen dem Jungen Nico auf, der sie auslacht. Annabelle erkennt seine Eifersucht. Sie reagiert darauf, indem sie auch ihm einen Pullover strickt. Da noch Wolle übrig ist, strickt sie auch noch einen Pullover für seinen Hund. In der Klasse lenkt sie mit ihrem bunten Pullover die anderen Schüler vom Lernen ab und strickt daher Pullover für die ganze Klasse sowie für den Lehrer, alle weiteren Dorfbewohner, alle Haustiere und da immer noch Garn übrig ist, umkleidet sie die Häuser. Die graue Stadt wird bunt und das Mädchen mit dem nicht endenden Garn weit bekannt. Das lockt einen bösen Erzherzog an, der ihr ein Vermögen für die Truhe mit dem Garn bietet. Annabelle weigert sich, genügsam, die Wolle sei unverkäuflich. Der Erzherzog gibt nicht auf, er sendet Räuber, um ihm die wertvolle Truhe mit dem Garn zu bringen, doch das Garn ist nicht darin. Er wirft die Kiste erbost aus dem Fenster. In seinem Zorn verflucht er Annabelle und wünscht ihr, dass sie nie wieder glücklich werde. Annabelle hat die Truhe samt Garn auf einer Eisscholle wiedergefunden. Sie stört sich nicht an seinem Fluch, sondern umstrickt nun ganze Bäume.

Bild: Verlag Freies Geistesleben

Die Geschichte von Annabelle und ihrer Garnrolle ist bezaubernd. Sie beginnt so einfach und baut sich fließend auf, während immer mehr buntes Garn die einzelnen Seiten einnimmt. Die graue Ortschaft wird von Seite zu Seite bunter und schöner. Die beschenkten und bestrickten Einwohner, so wie auch Annabelle strahlen indessen wenig Jubel aus, sondern wirken wie stille und zufriedene Beobachter dieses Wunders. Das Wunder der Selbstwirksamkeitserfahrung eines kleinen Mädchens, das ihr Dorf verändert, wirkt durch den durchweg ruhigen Erzählstrang beinahe nebensächlich. Aufgeregt wird es, als der dunkle Erzherzog mit dem Schiff ankommt, aber selbst er kann niemanden so richtig aus der Bahn werfen.  Nur die Kinder, denen ich vorgelesen habe, hielten den Atem an. Der dunkle Herzog mit seinem hohen Hut wirkt gegen die kleine sitzende Annabelle riesig. Doch die strickende Annabelle ist beschäftigt, während sie seine Millionen ablehnt, wohl wissend, dass diese Freude, mit der sie strickt, unbezahlbar ist. Das Wissen auch die Kinder: „Und, würdet ihr die Wolle hergeben?“ – „NEIN!“.
Man wünscht sich fast, genauso ruhig und bestimmt durch sein eigenes Leben zu gehen wie Annabelle. Darin sehe ich auch die Pointe dieser Geschichte: Zufriedenheit als Glück. Wer Menschen in seiner Umgebung eine Spur glücklicher machen kann, der braucht viel mehr nicht.

Als pädagogisches Angebot würde ich diese Geschichte auf unsere Lieblingsbeschäftigungen beziehen. Ich würde die Kinder fragen, ob es eine Tätigkeit gibt, die sie die ganze Welt um sich herum vergessen lässt. Jedes Kind bekommt ein kleines Stück Papier, auf das es sich, diese Tätigkeit ausführend, malen darf. Danach würden wir die Selbstportraits an einem bunten Faden (oder einer selbst hergestellten Kordel)  im Gruppenzimmer aufhängen. Dadurch machen wir gemeinsam unser Gruppenzimmer ein wenig bunter, durch die Dinge die wir gerne tun, die uns erfüllen –  die für uns unbezahlbar sein sollten.

„Extra Garn“ wurde mit dem Boston Globe-Horn Book Award und dem Cadecott Honor 2013 ausgezeichnet.

Extra Garn
Mac Barnett (Autor), Jon Klassen (Illustrator)
Verlag Freies Geistesleben
48 Seiten
ISBN: 978-3-7725-2688-6
Leseprobe

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