Im Gespräch: Maren Bonacker

Maren Bonacker spezialisierte sich nach ihrem Studium englischer, französischer und deutscher Literatur und Sprache sowie Pädagogik und Psychologie auf die Kinder- und Jugendliteraturforschung. Nach mehrjähriger Lehrtätigkeit an der Universität Gießen arbeitet sie heute als freie Journalistin, Kritikerin, Autorin und Referentin für Kinderliteratur. Sie leitet die Abteilung für Kinder- und Jugendliteratur an der Phantastischen Bibliothek Wetzlar und sitzt in verschiedenen Kritikerjurys für Kinder- und Jugendliteraturpreise. In ihrer Funktion als Jurymitglied für den Deutschen Jugendliteraturpreis konnte ich sie nach ihrer Arbeit fragen und einen Einblick bekommen, was für sie ein gutes Bilderbuch ausmacht.

 

Was macht für Sie ein Bilderbuch aus? Nach welchen Kriterien werden die Bücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis ausgewählt?

Für den Deutschen Jugendliteraturpreis suche ich nach aktuellen Themen, besonders schöner Schreibweise und ausgefallenen künstlerischen Techniken. Bei mir persönlich muss es aber immer auch etwas fürs Herz sein. Das Buch kann noch so akkurat, perfekt, innovativ und neu sein, wenn es mich nicht berührt, fehlt etwas. Es gibt einige Bilderbücher, bei denen man sich denkt, die landen bestimmt auf der Nominierungsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis, doch für mich muss auch wirklich ein Funke überspringen.

Sie sind gemeinsam mit Frau Hauke-Dreesen für die Sparte Bilderbuch zuständig?

Ja, bisher waren wir beide ein gutes Team. Wir haben uns abgesprochen und dann zu zweit 20 – 25 Titel aus den ganzen Neuerscheinungen ausgewählt, die uns aus unterschiedlichen Gründen besonders überzeugt haben. Wir haben festgestellt, dass wir einen recht ähnlichen Blick auf die Bücher haben: Uns ist wichtig, dass es sich um Bücher handelt, die auch wirklich bei den Kindern ankommen. Leider hört Christine jetzt auf, und Christiane Benthin tritt an ihre Stelle. Wir haben uns jetzt ein paar Mal geschrieben, und ich glaube, die Zusammenarbeit mit ihr wird ebenfalls großen Spaß machen.

Die Vorauswahl bestimmen Sie, wie wird dann weiter verfahren?  

Je ein Zweierteam bestimmt, welche Bücher in die Vorauswahl kommen, dann entscheidet die Jury, insgesamt neun Personen mit unterschiedlichen fachlichen Hintergründen, welche sechs Bücher für den Deutschen Jugendliteraturpreis in den jeweiligen Sparten nominiert werden. Bei der Vorauswahl sind wir auch offen für Hinweise von den Jurymitgliedern, die für die anderen Sparten zuständig sind. Es kommt vor, dass jemand aus der Jugendbuchsparte einen Vorschlag macht, oder dass jemand aus der Sparte Sachbuch ein Buch einbringt, das künstlerisch und literarisch so schön gestaltet ist, dass es auch in die Rubrik erzählendes Bilderbuch passt. Wir diskutieren dann, in welcher Sparte es die besten Chancen hat, sich am Schluss auch durchzusetzen. Uns alle vereint die Liebe zu den Büchern.

Aus welchen Titeln wählen Sie die Bücher aus?

Wir informieren uns auf den Buchmessen oder in den Katalogen der Verlage. Wir versuchen möglichst alle Quellen zu nutzen. Manchmal stoßen wir bei der Recherche auf Verlage, die wir bis dahin gar nicht kannten. Junge Verlage können sich aber auch über den AKJ bei uns melden und ihre Bücher vorstellen. Wir haben im Allgemeinen einen sehr breiten Überblick über das Angebot auf dem Buchmarkt und müssen dann auswählen, welche Bilderbücher wirklich die besonderen Titel sind.

Letztes Jahr hat die Jury drei Bilderbücher ausgewählt, die Themen wie Flucht oder Migration aufgegriffen haben. Dieses Mal sind die Titel thematisch sehr unterschiedlich aufgestellt.

Von den ersten Büchern, die zu diesem Thema erschienen sind, haben uns mehrere sehr begeistert. Teilweise wurden sie auch schon von anderer Seite mit Preisen ausgezeichnet. Allerdings waren auch schon in dieser ersten Welle von Fluchtbilderbüchern einige dabei, bei denen wir den Eindruck hatten, sie seien gut gemeint und aktuell, aber nicht unbedingt qualitativ gut. Es reicht also nicht aus, ein aktuelles Thema zu wählen, die Bücher müssen auch künstlerisch und literarisch überzeugen. Im Moment werden weniger Bücher zum Thema Flucht verfasst, das Thema Migration ist aber nach wie vor sehr präsent. Hier ist beispielsweise mit „Himmelskönig“ aus dem Aladin Verlag (Autor: Nicolas Davis, Illustratorin: Laura Carlin, Anm. d. R.) ein wunderschönes Buch erschienen.

Flucht und Migration sind durchaus ernste Themen im Bilderbuch. Was lösen solche Geschichten in Kindern aus? Wofür braucht es diese?

Diese Themen sind wichtig, um Empathie zu wecken. Den Kindern soll bewusst werden, was da gerade in der Welt passiert. Wenn man so eine Geschichte hat, wie in „Nusret und die Kuh“ (letztes Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert, Anm. d. R.), dann weckt man das Bewusstsein der Kinder, dass Menschen, die aus anderen Kontexten, aus anderen Kulturen hierherkommen, immer noch diese Sehnsucht nach Hause haben. In den Medien wird das oft ein bisschen anders dargestellt. Da hören wir, die kommen alle hierher, die wollen hier alles haben, denen geht’s hier gut. Ihnen geht es hier nicht unbedingt gut. Sie vermissen ihre Freunde, sie vermissen ihre Heimat, sie möchten gerne wieder nach Hause. Sie sind aus wirklich existentieller Not – ob es nun Krieg oder wirtschaftlich ist, ist dabei für mich völlig nebensächlich – hierhergekommen. Ihr Herz jedoch haben sie Zuhause gelassen und ich glaube, das verlieren wir manchmal ein bisschen aus dem Fokus. Wenn man Kindern das an so einer einfachen Geschichte, wie in „Nusret und die Kuh“ zeigen kann, dass eigentlich das Herz und die Kuh in der Heimat geblieben sind, ist das von großer Bedeutung.

Es gibt mittlerweile immer mehr Bücher auf dem Markt, die eher auf poetische Art und Weise Ist-Zustände beschreiben, ohne durch eine Geschichte oder einen Spannungsbogen zu punkten. Beispielsweise Helga Banschs  „Kommt das Nashorn“, das letztes Jahr auf der Nominierungsliste stand. Worin liegt hier der Reiz für Kinder?

Im Spiel mit Sprache. In „Kommt das Nashorn“ klingt die Geschichte wie ein kleines Gedicht, wenn man es laut vorliest. „Kommt das Nashorn“ hat uns durch diese poetische und lyrische Sprache überzeugt. Es geht um den Traum des Nashorns, fliegen zu können, wie ein Vogel. Die Frage ist, wie kann der Traum wirklich realisiert werden, bzw. wie wichtig ist er und wie kann man vielleicht über Umwege dorthin gelangen. Es steckt etwas Ermutigendes in diesem Buch: Das Nashorn kann natürlich nicht wie ein Vogel fliegen, doch die anderen Tiere unterstützen es, indem sie ihm klarmachen, es muss auch gar nicht fliegen können. Es hat ganz andere Qualitäten und ganz andere Stärken. Diese Geschichte ist in diesem Bilderbuch illustratorisch zauberhaft und sprachlich auf einem sehr schönen Niveau dargestellt. Durch solche Bilderbücher möchte man Kindern ein gutes Gefühl für Sprache vermitteln. Dafür benötigt es nicht wirklich eine ausformulierte, durcherzählte Geschichte, sondern genau diese Lücken, die die Kinder dann beim Erzählen selbst füllen können.

Und dann wäre noch die Frage nach der Digitalisierung. Wie aktuell sind Bilderbücher in zehn Jahren?

Also wenn ich sehe, wie Kinder auf Bücher zusteuern und wie sie sofort zugreifen und umblättern, weiß ich: Kinder lieben Bücher. Digitale Medien üben zwar auch eine Faszination auf Kinder aus, aber wenn Eltern bewusst ist, wie schön Bücher sind, wie schön auch das haptische Erleben eines Buches ist, dann geben sie das an ihre Kinder weiter. Es gehört viel mehr zu einem Bilderbuch als nur die Bilder und der Text. Dazu gehört das Papier, die Qualität des Papiers und der Geruch – ein Tablet kann niemals riechen wie ein Buch! Wenn man ein Buch aufschlägt, dann hat das etwas Verheißungsvolles von Buchleim und Farbe und besonderem Papier. Das alles gehört zum Bilderbuch, das möchten wir den Kindern nicht nehmen. Wir würden sie um so viele Sinneseindrücke bringen. Ich glaube, dass es noch viele Eltern gibt, die dieses Bewusstsein haben und die das auch weitergeben. Solange Leute mit diesem Bewusstsein durch die Welt gehen, sterben Bücher nicht aus.

 

Ich möchte mich herzlich bei Frau Bonacker bedanken, die sich im Trubel der Buchmesse die Zeit genommen hat. Mein Dank gilt auch Bettina Neu vom Arbeitskreis für Jugendliteratur, die dieses Treffen vermittelte.

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