Der rote Baum

© Carlsen

Ein rothaariges Mädchen sitzt traurig im Bett, einzelne dunkle Blätter fallen von der Decke. Auf der zweiten Seite ist das Zimmer schon hüfthoch mit dunklen Blättern gefüllt und das Mädchen schleicht trostlos nach draussen. Die Ich-Erzählerin spricht von der Dunkelheit, die sich herabsenkt, während man sie mit hängendem Kopf durch eine Stadt laufen sieht, in dem ein großer dunkler Karpfen zu schweben scheint. Auf der nächsten Doppelseite sitzt sie mit einem alten Tauchhelm in einer Glasflasche, keiner scheint sie zu verstehen. Sie beschreibt eine dunkle Welt, in der sie niemand hört und niemand ihr Licht leuchten sieht. Sie gibt aber auch zu, dass sie die Welt oder die Anderen auch nicht verstehe. Sie wartet teilnahmslos darauf, dass etwas passiert, doch alles wird nur noch schlimmer: Das Chaos erwartet sie und alle Probleme kommen auf einmal. Sie kann die positiven Ereignisse nicht mehr als solche genießen und sieht keinen Ausweg aus ihrer Situation. Dann steht sie als Schauspielerin mit ihrer eigenen Marionette in der Hand auf der Bühne, der Blick ist – wie immer -nach unten gerichtet. Sie hat die Orientierung verloren, weiß weder wer, noch wo sie ist. Nach diesem schrecklich dunklen Tag kommt dann die Wende: Als das Mädchen die Tür zum Zimmer öffnet, fällt das Licht auf einen kleinen roten Schössling, der auf der nächsten Seite zu einem herrlichen rot leuchtenden Baum wird, zu dem das Mädchen aufschauen kann. Die Atmosphäre hellt sich auf und es scheint auf eine ruhige Art und Weise alles wieder in Ordnung.

„Der rote Baum“ ist wahrscheinlich eines der traurigsten Bilderbücher, die ich kenne. Die Illustrationen sind detailreich und unterstreichen die kurzen Beschreibungen der Gefühlswelt des Mädchens.  Die Farbgebung und die leicht schaurigen Figuren stellen diesen grauen Tag, an dem  Selbstvertrauen und Selbstwert verloren scheinen, treffend dar. Ihre Stimmung ist hervorragend in Szene gesetzt und wird oft mit Phantasiefiguren untermalt, wie dem erwähnten Karpfen oder einer Art maschinellen Wolf, der am Ende des Weges lauert.
Diesen Figuren stehe ich ein wenig kritisch gegenüber: Inwieweit sind Kinder in der Lage, diese Phantasiefiguren als Metaphern zu verstehen? Bzw. ab welchem Alter kann man Kinder an Metaphern heranführen?
Der Text ist sehr kurz gehalten und besteht oft nur aus einem Satz pro Seite, der treffend beschreibt, was an so manchen Tagen alles zusammenkommt.

Ich habe „Der rote Baum“ selbst noch nicht mit Kindern gelesen. Allerdings finde ich die Thematik sehr wichtig. Selbstvertrauen und Mut sind keine konstanten Tugenden, sie können sich je nach Tagesform oder Rolle in einer bestimmten Gruppe stark verändern. Auch wichtig finde ich die Beschreibung der Einsamkeit, keiner scheint sie zu verstehen und sie versteht die Welt nicht und bleibt für sich.

© Carlsen

Kinder, Jugendliche wie Erwachsene erleben solche Tage, an denen nichts zu funktionieren scheint.
Der rote Baum, der am Ende im Zimmer vorgefunden wird, stellt für mich dar, dass das Mädchen wieder zu sich selbst findet und an ihr Können und ihre Fähigkeit glaubt. Die Hoffnung, dass alles gut wird, ist zurück.

„Der rote Baum“ könnte auch als Medium dienen, Depressionen oder Trauer zu erklären, natürlich mit dem Unterschied, dass der rote Baum längere Zeit zum Wachsen braucht. Die Stimmung, die dieses Buch hervorragend auffängt: die fehlerhafte Kommunikation mit der Umwelt, das gegenseitige Nicht-Verstehen oder nicht aneinander Herankommen, scheint mir für die beiden schwierigen Situationen sehr passend.

„Der rote Baum“ wird vom Carlsen Verlag ab fünf Jahren empfohlen, dem schließe ich mich an.
Ich lade auch Erwachsene ein, sich mit dem Buch zu beschäftigen. Es ist ein Buch, in dem man sich selbst wiederfindet und das man am Ende mit einem wissenden und hoffnungsvollen Lächeln schließen kann.

 

Der rote Baum
Autor/ Illustrator: Shaun Tan
Carlsen Verlag, 2012
32 Seiten
ab 5 Jahren
ISBN: 978-3-848-90038-1

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