Kniffe für das Vorlesen in der Kindergruppe

Vorlesen eines Bilderbuches als pädagogisches Angebot mit 6 – 12 Kindern zwischen 3 – 6 JahrenZiel des Vorlesens ist es, Kinder für Bücher, Dramaturgie, Sprache und Erzählen zu begeistern. In einer Altersgruppe von 3 – 6 Jahren reicht die Aufmerksamkeitsspanne meist für etwa 20 – 30 Minuten (insgesamt). Daher sollte die reine Vorlesezeit nicht länger als 10 – 15 Minuten dauern. Die Anzahl der Kinder ist eine Wunschzahl, da das Vorlesen mit zunehmender Kinderzahl schwieriger wird, sollte man doch Blickkontakt aufnehmen, auf die einzelnen Bedürfnisse eingehen und nebenbei noch eine spannende und mitreißende Geschichte vortragen.

Bevor ich einer Kindergruppe vorlese, möchte ich die Anzahl der Kinder, ihre literarische Vorerfahrung, ihre Sprachkenntnisse und die Räumlichkeiten kennen. Falls nicht alle Kinder Deutsch verstehen, ist es von Vorteil die Buchauswahl anzupassen und eine einfach strukturierte Geschichte zu wählen, der man auch mit wenigen Sprachkenntnissen gut folgen kann. Ein Beispiel wäre das Bilderbuch „Bus fahren“ von Marianne Dubuc, in dem sie erzählt, wie ein Mädchen alleine Bus fährt und was sie alles auf der Fahrt entdeckt. Sind die Kinder, denen ich vorlese, schon an Bilderbücher gewöhnt, würde ich eine komplexere Geschichte heraussuchen. Wichtig ist, dass man selbst vom Buch begeistert ist und das Buch gut kennt. So, dass man genau weiß, wo die Spannungsbögen versteckt sind und wie sich die Charaktere fühlen, denen man eine passende Stimme verleihen sollte.

Wenn mir die Kindergruppe nicht vertraut ist, benütze ich gerne eine Klangschale oder eine Triangel als Zeichen, dass wir nun die Sinne schärfen: Ohren und Augen öffnen und gut zuhören. Der Klang der beiden Instrumente lässt die Kinder ruhig werden und kann ihnen helfen, sich auf das Geschehen einzulassen.

Vorleseecke Bilderbuchbetrachtung Vorlesen

Vorleseecke

Ich verschaffe mir gerne vorweg ein Bild über die Räumlichkeiten, da es mir wichtig ist, dass jedes Kind seinen eigenen Raum, also Platz, haben kann. Sitzen die Kinder zu nah aufeinander, können sie sich gegenseitig ablenken. Ich benutze gerne Teppichfliesen, Sitzkissen, Podeste oder auch Stühle, damit jedes Kind einen eindeutigen Rahmen hat. Manchmal bauen wir uns auch ein kleines Theater, dann sitzt die Hälfte der Kinder auf Teppichfliesen und die anderen hinter ihnen auf Stühlen. Durch den Höhenunterschied kann jedes Kind gut sehen. Wenn alle Kinder bequem sitzen und gut sehen können, kann es mit dem Einstieg losgehen:

Ein einfacher Einstieg beginnt bei mir mit dem Anschauen des Buchumschlags. Was sehen wir darauf? Um was könnte es denn in diesem Buch gehen? Hat schon jemand eine Idee? Wie geht es den Charakteren auf der Titelseite? Auch eine passende Handpuppe kann dabei unterstützen, das Interesse der Kinder zu wecken und Spannung zu erzeugen. Wichtig ist, dass diese nach ihrem Auftritt aus dem Sichtfeld der Kinder verschwindet, so dass sie nicht als „leblos“ wahrgenommen wird. Ansonsten verliert sie ihren „Zauber“ schnell.
Manchmal gestalte ich auch eine Mitte, in der auf einem farbigen Tuch ein Gegenstand liegt, der im Buch vorkommt. Für das Buch „Die goldene Funkelblume“ könnte man zu einem Rucksack und/ oder Wanderstöcken greifen. Die einleitenden Fragen heißen dann: Wer braucht den sowas? Wofür ist das gedacht? Was kann man damit machen?

Tipps Vorlesen Kinder Bilderbuchbetrachtung

Die Präsentation des Buches und der Blickkontakt mit den kleinen Zuhörer_innen sind wichtig.

Das Lesen will geübt sein: Zunächst finde ich es wichtig entweder auf dem Kopf lesen zu können, oder das Buch seitlich zu halten, so dass die Kinder während des Lesens die Buchseiten immer betrachten können. Am meisten Spaß macht es, wenn man das Buch so gut kennt, dass man sich zeitweise vom Text losreißen und in die begeisterten Augen der Kinder schauen kann! Blickkontakt hilft dabei, die Kinder nonverbal zurück zum Geschehen zu holen. Weiter sollte man versuchen, durch Pausen, Sprechgeschwindigkeit und zu den Charakteren passenden Stimmen das Erzählerlebnis aufregend zu gestalten. Wenn es spannend wird, beginne ich gerne zu flüstern, die Kinder werden dann ruhig und lauschen gespannt, wie die Geschichte weitergeht.
Eines meiner liebsten Vorlesebücher ist „Böse“ von Kathrin Schärer und Lorenz Pauli. In diesem Buch kann man durch die Dramatik kombiniert mit der eigenen Stimme, eine Spannung erzeugen, die alle Kinder den Atem anhalten lässt, um dann am Ende gemeinsam aufzuseufzen, wenn die Maus wohlbehalten unter dem Huf des Pferdes erscheint. Bei diesem Buch ist es wichtig, die Kinder immer im Blick haben: Halten alle kleinen Zuhörer_innen die Spannung aus? Wenn ich bemerke, dass ein Kind sich ängstigt und Unbehagen zeigt, unterbreche ich das Lesen und frage die Kinder nach ihren eigenen Gedanken: „Was glaubt ihr, ist das Pferd wirklich auf die Maus getreten?“ Diese Zwischenfrage unterbricht die Spannung und lässt die Kinder wieder im Hier und Jetzt ankommen.
Wenn sich Bücher reimen, wie Die Schnecke und der Buckelwal bietet es sich an, das letzte Wort des zweiten Satzes auszulassen und darauf zu warten, dass die Kinder den richtigen Reim einsetzen. Dies ist aber eher ein Gestaltungsmittel, welches ich bei kleinen Zuhörer_innen einsetze, die das Buch bereits öfter gehört haben.

Am Ende des Vorlesens kann man den Kindern Raum geben, ihr Erlebtes und Erfahrenes mit der Geschichte in Bezug zu setzen. Gerne gebe ich den Kindern nach dem Vorlesen noch Zeit, ihre Erlebnisse zu erzählen, wenn ihnen danach ist. Auch offene Malaktivitäten oder die Nachbearbeitung in der Rollenspielecke halte ich für sinnvolle Angebote.

„Lesen ist ein grenzenloses Abenteuer der Kindheit.“ (Astrid Lindgren)

Kinder sollten von uns auf kreative und motivierende Art und Weise an das Lesen herangeführt werden, so dass sie (Bilder-) Bücher in guter Erinnerung behalten und später voll Freude ihre eigenen Leseabenteuer erfahren können.
Dieser Artikel wurde durch „Mint und Malves“ Blockparade „Vorlesefieber“ inspiriert und erscheint nun zeitlich passend zum ersten „Schweizer Vorlesetag“.

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1 Antwort

  1. Eliane sagt:

    Liebe Martina, danke auch hier noch für deinen tollen Beitrag zur Blogparade! Deine Tipps werde ich gerne auch zuhause anwenden, die sind ja generell sehr nützlich! Für Kitas sind deine Kniffe bestimmt eine super Hilfe. Bei dir in der Kindergruppe würd ich ja auch mal gerne zuhören! 😉 Liebe Grüsse, Eliane

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