Traurigkeit und Depression im Bilderbuch

Wenn ein Elternteil an Depression erkrankt

An einer Depression erkranken etwa 16-20 von 100 Menschen im Laufe ihres Lebens. Die Symptome einer Depression sind vielfältig, unter anderem gehören Antriebslosigkeit, Interessenverlust, gedrückte Stimmung, Gefühle von Schuld und Wertlosigkeit sowie Zukunftsängste (vgl. Patienteninformation zu Depression) dazu.
In seltenen Fällen erkranken schon kleine Kinder an Depressionen. Der folgende Artikel thematisiert jedoch den häufigeren Fall: Die Erkrankung eines Elternteils, die sich auch auf die Lebenswelt des Kindes auswirkt.
Kinder depressiver Eltern fällt es meist schwer, die veränderte Verhaltensweise des an Depression leidenden Elternteils zu verstehen. Oft fühlen sich die Kinder übersehen und kämpfen mit Scham- und Schuldgefühlen. Umso wichtiger ist es, ihnen Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken, um sie in ihrer Situation zu unterstützen und ihnen Hilfestellungen zu geben, mit ihrer Situation umzugehen (vgl. Ina Knocks in „Als Mama nur noch traurig war„, 2018).

Vermittlung in der Kindertagesstätte

Pädagogische Fachkräfte, die betroffene Kinder unterstützen möchten, sollten zunächst den Kontakt und das Gespräch mit den Angehörigen suchen. Gemeinsam könnte man folgende Fragen klären: Wie reagiert das Kind zuhause/ in der Kita auf die Krankheit des Elternteils? Wie könnte eine mögliche Unterstützung aussehen? Im Sinne der Erziehungspartnerschaft sollte man in jedem Fall auch abklären, ob eine professionelle therapeutische Aufarbeitung der Situation für das Kind sinnvoll sein könnte.
Die Aufgabe pädagogischer Fachkräfte ist es, präsent zu bleiben und den Bedürfnissen und Aussagen des betroffenen Kindes erhöhte Aufmerksamkeit zu schenken und sensibel auf seine Belange und Erzählungen einzugehen. Gute Möglichkeiten und Hilfsmittel mit Kindern ins Gespräch zu kommen, sind Materialien wie Gefühlskarten und Bilderbücher mit besonderem Schwerpunkt auf Depression.
Ich möchte hier eine kleine Auswahl an Bilderbüchern vorstellen, die die Krankheit auf unterschiedlichster Weise aufgreifen und sich gut in pädagogische Angebote rund um das Thema mit einem betroffenem Kind oder auch in der Kindergruppe einsetzen lassen.
Wenn man sich für ein Bilderbuch entscheidet, sollten folgende Fragen vorab reflektiert werden: Welche Aussagen und Situationen werden geschildert? Welche Deutungsmöglichkeiten bieten die Bücher an? Wie komme ich als pädagogische Fachkraft/ Elternteil mit dieser Perspektive zurecht?

Auch wenn man gerade kein betroffenes Kind in der Einrichtung hat, sollten diese Bücher ihren Weg ins Bücherregal finden. Kinder interessieren sich für „belastende“ Themen. Sie können sich in die Situation hineinversetzen, wohl wissend, dass sie nicht davon betroffen sind. Es wäre hilfreich für die Gesellschaft tabuisierten Themen, wie psychischen Erkrankungen, schon früh Raum zu geben. Die Kinder könnten dann zu psychischen Krankheiten eine ähnliche Assoziation aufbauen, wie zu einem Beinbruch – nichts wofür man sich schämen muss.

Sie sagte, sie zieht bei mir ein, und dass sie mir alles bewiese. Dann schrieb sie an meine Tür: „Hier wohnt ab jetzt die Krise“

Krise – von Max Raabe

Als Mama nur noch traurig war

Jans Mama lacht nicht mehr, sie hört ihm nicht mehr zu, liest Jan nicht mehr abends vor und ist genervt, wenn seine beste Freundin Lena zum Spielen kommt. Als sie dann noch vergisst, den Schokokuchen für das Kindergartenfest zu backen, wird Jan ganz wütend. Auch Papa lacht nicht mehr so oft, wie früher. Er runzelt oft die Stirn und macht sich Sorgen. Nach einem großen Streit, beschließen sie, dass Mama zu dem Herrn Ritter muss. Der Herr Ritter lädt bald auch Jan zu sich ein und erklärt ihm, dass seine Mama von Grummelgramen heimgesucht wurde, die ihre Welt grau erscheinen lassen und ihr zuflüstern, wie unausstehlich sie sei. Wie gut, dass Herr Ritter ihr helfen kann, die Grummelgrame loszuwerden.
„Als Mama nur noch traurig war“ kommt sehr pädagogisch daher. Es beschreibt detailliert, wie sich Jan, seine Mama und sein Papa fühlen. Es hat also die ganze Familie im Blick und gibt der eigenen Schuldzuschreibung Raum, die es im Fall eines depressiven Elternteils unbedingt auszuräumen gilt. Die Autorin erklärt auf kindgerechte Weise, was bei einer Depression passiert und dass professionelle Therapeuten Abhilfe verschaffen können. Auf der letzten Seite beschreibt die Diplom-Psychologin Ina Knocks, wie Betroffene mit der Situation umgehen sollten, nennt Adressen und Literatur, um Hilfe zu suchen.

Als Mama nur noch traurig war
Wenn ein Elternteil an Depression erkrankt
Autorin: Anja Möbest
Illustratorin: Barbara Korthues
Nachwort: Ina Knocks
Coppenrath, 2017
ISBN: 978-3-649-62021-1
ab 4-6 Jahren
Details und erhältlich* bei: Thalia Genialokal Verlag

Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit

In diesem kleinen Büchlein bekommt ein Kind Besuch von einem hellblauen, traurig dreinblickenden Wesen: Der Traurigkeit. Die Traurigkeit kann uns ganz unerwartet besuchen und uns, wie ein Schatten, folgen, sie bedrückt uns. Wenn wir versuchen sie einzusperren, wird es nur schlimmer. Daher ist es besser sich ihr zu stellen, sich anzuvertrauen, schöne Dinge unternehmen und mit ihr nach draußen zu gehen. Die Traurigkeit geht manchmal so schnell, wie sie gekommen ist, dann beginnt ein neuer Tag.
In diesem Buch bekommt das Kind selbst Tipps, wie es am besten mit Traurigkeit umgehen kann. Damit kann eine allgemeine Traurigkeit, wie schlechte Laune, gemeint sein, oder eben eine Depression. Es ist in jedem Fall wichtig, sich mit seiner Traurigkeit auseinanderzusetzen, sie zu akzeptieren und zu versuchen durch schöne Unternehmungen ein wenig Abhilfe zu schaffen. Dieses Buch kommt mit einer Leichtigkeit daher, die es vielleicht einfach macht, das Gespräch zu suchen. Wichtig wäre natürlich zu sagen, dass die Traurigkeit bei einer Depression selten am nächsten Tag einfach verschwindet.

Gebrauchsanweisung gegen Traurigkeit
Autorin & Illustratorin: Eva Eland
Übersetzerin: Saskia Heintz
Carl Hanser Verlag, 2019
ISBN: 978-3-446-26210-2
ab 3-6 Jahren
Details und erhältlich* bei: Thalia Genialokal Verlag

Meine Mutter die Fee

Fridi versteht die Welt nicht mehr. Ihre Mutter erscheint ihr immerzu betrübt: Sie liegt antriebslos im Bett, sitzt hinter dem Sessel oder starrt auf dem Sofa ins Leere. Nur manchmal lässt sie Fridi an ihrer Welt teilhaben, zeigt ihr die Bücher die sie bewegen. Fridi reagiert auf die traurigen Phasen, indem sie selbst zum Staubsauger greift und versucht ihre Mama zu unterstützen, aber es scheint nicht zu helfen. Da verrät ihr der Vater ein Geheimnis: Ihre Mama ist eine Fee und als die Mama schließlich nicht mehr da ist, ist sie in die Welt der Feen zurückgegangen.
„Meine Mutter, die Fee“ ist ein berührendes Bilderbuch, das sensibel aufgreift, wie Kinder auf die Depression eines Elternteils reagieren können. Die Gedanken der Ich – Erzählerin Fridi sind gut nachzuvollziehen, die Erklärungen des Papas wirken wie eine positive Erklärung für eine Krankheit, die uns alle betreffen kann. Nun ist es Geschmacksache, ob man den eigenen Kindern diese Deutungsmöglichkeit aufzeigen oder nah bei der Realität bleiben möchte. Meiner Ansicht nach ist bei einem betroffenen Kind auch beides gleichzeitig möglich. Letztlich findet immer das Kind seine eigene Deutung für die Situation.

Meine Mutter, die Fee
Autorin: Nikola Huppertz
Illustrator: Tobias Krejtschi
Tulipan Verlag, 2018
ISBN: 978-3-86429-369-6
ab 4 Jahren
Details und erhältlich* bei: Thalia Genialokal Verlag
Buchtrailer: Miene Mutter, die Fee – Tulipan 2018

Der rote Baum

Ein rothaariges Mädchen sitzt traurig im Bett, einzelne dunkle Blätter fallen von der Decke. Auf der zweiten Seite ist das Zimmer schon hüfthoch mit dunklen Blättern gefüllt und das Mädchen schleicht trostlos nach Draußen. Dort sitzt sie mit einem alten Tauchhelm in einer Glasflasche, keiner scheint sie zu verstehen. Sie beschreibt eine dunkle Welt, in der sie niemand hört und niemand ihr Licht leuchten sieht und räumt ein, dass sie die Welt oder die Anderen auch nicht versteht. Nach diesem schrecklich dunklen Tag kommt die Wende: Als das Mädchen die Tür zum Zimmer öffnet, fällt das Licht auf einen kleinen roten Schössling, der auf der nächsten Seite zu einem herrlichen rot leuchtenden Baum wird, zu dem das Mädchen aufschauen kann. Die Atmosphäre hellt sich auf und es scheint auf eine ruhige Art und Weise alles wieder in Ordnung.
Dieses Bilderbuch lebt von den eindrucksvollen Bildern Shaun Tans, der nach einer Atmosphäre der Trostlosigkeit, gekonnt den Lichtblick zeigt.

Der rote Baum
Autor & Illustrator: Shaun Tan
Aladin Verlag, 2013
ISBN: 978-3-848-90038-1
ab 5 Jahren
Details und erhältlich* bei: Thalia Genialokal Verlag

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