Erzähltheater und Bücherkiste – wie Bücher und Geschichten unsere Sicht auf die Welt beeinflussen

„Können wir das mit den Geißlein lesen?“, „Du hast es uns versprochen!“ – die Geschichte von den Sieben Geißlein begeistert die Kinder seit letzter Woche. Vorgelesen wird sie mit dem Kamishibai – einem Erzähltheater japanischen Ursprungs. Inzwischen haben wir die Geschichte schon viermal gelesen und die Kinder können Handlungen und sogar Dialoge vorhersagen. Trotzdem ist ihre Lust, die Erzählung zu hören, ungebrochen.

Begeisterung für Geschichten, Erzählungen, Bilderbücher wecken und fördern, beschäftigt mich seit Beginn meiner Ausbildung. Die Freude am Erzählten wird zur Motivation, später selbst zum Buch zu greifen. Weiter kann die soziale und emotionale Entwicklung der Kinder durch den bewussten Einsatz von Büchern und Geschichten gefördert werden. Das erreichen wir, indem wir Geschichten auswählen, welche eine Vielzahl an Identifikationsfiguren, Handlungsmöglichkeiten und unterschiedlicher Perspektiven anbieten. Als Kindheitspädagogin und nun als Mama möchte ich mich für die Leseförderung in den Bildungseinrichtungen stark machen. Nur dort können alle Kinder gleichermaßen an den Schatz der Bücher herangeführt und so in ihrer Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden.

Die Aufgabe (Lebens-)Welt zu gestalten

„Wie die Welt von morgen aussehen wird, hängt in großem Maß von der Einbildungskraft jener ab, die gerade jetzt lesen lernen.“ Astrid Lindgren

Das Bild der Welt und der Gesellschaft mitzugestalten ist eine große Aufgabe, der wir uns, bewusst oder nicht, jeden Tag stellen. Wir haben teil im Umgang mit unseren Mitmenschen und  tragen durch unsere Entscheidungen, beispielsweise unser Konsum- oder Arbeitsverhalten betreffend, dazu bei. Aktiv und bewusst gestalten wird man nur dann, wenn man verschiedene Perspektiven einnimmt, Meinungen ausbildet und Problemlösestrategien entwickeln kann. Man benötigt kreative Ideen und den Mumm, diese auszusprechen und anzupacken. Für meine Tochter wünsche ich mir eine Gesellschaft demokratischer Freidenker, die sich empathisch zeigen, Mensch und Tier achten und versuchen der Welt durch innovative Ideen einen Mehrwert zu geben. Das gemeinsame Lesen sehe ich daher als Schlüssel, um die nötigen Kompetenzen dafür auszubilden.

Laut Bildungsbericht 2018 pflegen bis zu 78% der Familien in Deutschland mit ihren Kindern ab drei Jahren das tägliche Vorlesen (vgl. DIPF, 2018). Diesen positiven Wert gilt es weiter auszubauen. Denn 22% der 3- jährigen Kinder haben keinen täglichen Zugang zu Büchern und viele Familien sind sich nicht bewusst, dass man mit dem Vorlesen schon sehr viel früher beginnen kann. Durch vielfältige Aktivitäten und Ideen wird von unterschiedlichen Trägern versucht (wie beispielsweise dem Schweizer Vorlesetag), den Stellenwert von Büchern und Sprache bei Kindern und Eltern in den Fokus zu rücken.  Diese Initiativen sind wichtig und erreichen viele Familien. Trotzdem sollten die Kinder, die Zuhause nicht in den Genuss von Büchern kommen, von einem Schwerpunkt der Leseförderung in Krippen und Kindertagesstätten profitieren.

Leseförderung als Beitrag zur demokratischen Teilhabe

Bilderbuch LeseförderungDas Erzählen von Geschichten und das gemeinsame Anschauen von Bilderbüchern erweitert den Wortschatz und das Weltwissen der Kinder. Sie lernen Sprachbilder und Erzählmuster kennen und können so ihre Fähigkeit sich auszudrücken verbessern. Bilder- und Kinderbücher thematisieren aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und tragen dazu bei, dass Kinder (Vor-)Bilder von Toleranz und Offenheit erleben und übernehmen können (vgl. Hering, 2016). Unsere Träume und Vorstellungen reichen nur so weit, wie unser Wortschatz und unsere Möglichkeiten diese zu Beschreiben ausreichen. Daher ist die frühe Einführung in die Welt der Phantasie unbedingt notwendig.

Die für die Leseförderung ausgewählten Bücher sollen die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln. So wird jedem Kind seinen Platz in der Gesellschaft eingeräumt („Kalle und Elsa„). Weiter soll die Empathie für Mitmenschen und andere Lebewesen („Lass mich frei„) geweckt werden. In den Geschichten lernen die Kinder nicht nur unterhaltsame Abenteuer, sondern auch unterschiedliche Perspektiven und Weltsichten kennen. Das hilft ihnen in der Realität andere Blickwinkel einzunehmen, verschiedene Rollenbilder kennenzulernen und Denkweisen zu hinterfragen. Wir möchten selbstbewusste Jungen und Mädchen, wie die „dumme Augustine„, nachdenklich wie „Frau Blum“ und mutig wie die Schnecke in Julia Donaldsons „Die Schnecke und der Buckelwal„.

Durch vielfältige Aktivitäten (wie Bücherkisten, Erzähltheater und Lesenächte) sollen PädagogInnen die Begeisterung für Erzählungen und Geschichten wecken. Wer das Vorlesen positiv erlebt hat, wird eher zum eigenen Buch greifen und so seine Persönlichkeit weiterbilden und Einstellungen reflektieren, denn

„Jedesmal, wenn du ein Buch fortgelegt hast und beginnst den Faden eigener Gedanken zu spinnen, hat das Buch seinen beabsichtigen Zweck erreicht.“ (Janusz Korczak)

 

Quellen:

[1] DIPF – Autorengruppe des Deutschen Instituts für internationale pädagogische Forschung – Nationaler Bildungsbericht: „Bildung in Deutschland 2018“ , 29.06.2018
[2] Kinder brauchen Bilderbücher: Erzählförderung in Kita und Grundschule, Jochen Hering, Kallmeyer, 2016.

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2 Antworten

  1. Hallo,

    ein großartiger Beitrag, den ich auch als kinderlose Leserin sehr gerne gelesen habe! Ich denke auch, dass Leben unheimlich wichtig für die Entwicklung des Wertesystems von Kindern ist.

    Ich habe diesen Beitrag HIER für meine Kreuzfahrt durchs Meer der Buchblogs verlinkt.

    LG,
    Mikka