Vorleserituale gestalten

In Berichten rund um die Leseförderung stolpert man immer wieder über das Wort: „Vorleseritual“.  Wie beginnt man ein Vorleseritual und welcher Rhythmus bietet sich an? In diesem Artikel gebe ich praktische Tipps rund um das gemeinsame Lesen.

Manche Menschen lieben Rituale, als wiederkehrende Ereignisse, die ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Andere verbinden das Wort „Ritual“ mit Einengung, Engstirnigkeit oder Langeweile. Doch auch Rituale können flexibel gestaltet werden und sich an den Tagesablauf oder die jeweilige Familiensituation anpassen. Ein Vorleseritual planen, bedeutet letztlich nur wiederholt Zeit und Raum zum gemeinsamen Lesen zu schaffen.

Gemeinsames Lesen schafft Nähe zwischen dem Kind und seinen Bezugspersonen. Beim gemeinsamen Lesen finden die ersten Dialoge auf der erweiterten Ebene der Lebenswelt statt. Die ersten Gespräche über abgebildete Gegenstände oder Geschichten und vielleicht auch ein „In-Bezug-setzen“ zur eigenen Lebenswelt: „Das ist ein Bagger, so wie auf der Baustelle vor dem Haus“. Diese lustvollen Dialoge und Geschichten helfen den Kindern ihren Wortschatz zu erweitern, Erzählstrukturen zu verinnerlichen und andere Perspektiven einzunehmen. Mit einem Leseritual geben wir den Kindern einen wichtigen Einblick in die Welt der Sprache und des Erzählens (vgl. Hering Jochen, Kinder brauchen Bilderbücher, Erzählförderung in Kita und Grundschule, Klett Kallmeyer, 2016). Mit diesen drei Tipps könnt ihr euer Vorleseritual eurem Rhythmus und Tagesablauf anpassen:

Wann ist der beste Zeitpunkt zum Vorlesen?

Wir fangen jetzt an
 
Wir fangen jetzt an, wir fangen jetzt an,
wir gehören zusammen, das sieht man uns an.
Jaja, soso, hm hm.
 
Wir fangen jetzt an, wir fangen jetzt an
und ein jeder ist wichtig, weil ein jeder was kann.
Jaja, soso, hm hm.
 
Wir fangen jetzt an, wir fangen jetzt an,
und ein jeder im Kreise macht mit wie er kann.
Jaja, soso, hm hm.

Beispiel für ein Einstimmlied

Der beste Zeitpunkt ist dann, wenn die Kinder sich auf das Buch einlassen können und ich als Vorleserin die Ruhe finde, auf das Kind und seine Äußerungen einzugehen. Die Einführung eines Rituals gelingt nach meiner Erfahrung am Besten, wenn man sie mit einer Routine verbindet, die das freie Spiel der Kinder ohnehin unterbricht (z. B. immer nach dem Nachmittagssnack). Manchen Kindern hilft es, die Vorlesezeit mit dem Klang eines Instruments einzuläuten (z. B. einer Triangel) oder ein bestimmtes Lied zu singen (z. B. Wir fangen jetzt an), so dass man sich langsam auf die ruhige Vorlesezeit einstellen kann. Die Fragen, die ihr Euch hier stellen solltet, lauten:
Zu welchem Zeitpunkt gibt es in unserem Tagesablauf eine Pause, an die man ein Vorleseritual gut anschließen könnte?
Wann sind die Kinder und auch ich bereit, uns auf die Bilderbücher einzulassen?
Möchte ich das Ritual mit einem weiteren Aspekt, wie dem Singen eines Liedes oder dem Spielen eines Instruments verbinden?

Wo ist der beste Platz für ein Vorleseritual?

Beim Vorlesen solltet ihr bequem sitzen und einen guten Einblick ins Bilderbuch haben. Ich persönlich, möchte gerne, dass die Kinder so sitzen, dass sie die Hände frei haben, um auf die Bilder zeigen und erzählen zu können.
Zuviele Kissen und Kuscheltiere lenken vom Wesentlichen ab, daher würde ich nach einem bequemen, reizarmen Platz suchen. Wenn ich mehr als zwei Kindern vorlese, sitze ich mich vor den Kindern hin und lese den Text „falsch herum“. Manch anderer hätte ein Kind auf dem Schoß und zwei neben sich, mir wäre das zu eng. Auch hier darf jeder seinen eigenen Weg finden.
Wichtig ist es, die Kinder genau zu beobachten: Gibt es etwas, dass sie sehr ablenkt oder ist es vielleicht der falsche Platz (zu eng / zu dunkel), denn dann sollte man die Kuschelecke woanders aufschlagen.

Wie gestalten wir die Auswahl der Bücher?

Der Büchermarkt ist riesig und hier den Überblick zu behalten, fällt oft schwer. Aus diesem Grund habe ich einige Buchtipps zusammengestellt und weitere findet ihr beim Stöbern auf dem Blog:
Bei Kindern unter zwei Jahren würde ich vor allem zu Pappbilderbüchern wie „Der Wal nimmt ein Bad“ oder „Ich auch!“ greifen. Bücher mit Klappen oder Schiebebildern gefallen den Kindern sehr, allerdings gehen sie auch leicht kaputt und verlieren für die Kinder ihren Wert. Daher würde ich diese Bilderbücher ausschließlich zum Vorleseritual einsetzen, während das Kind mit den anderen Bilderbüchern auch gut alleine spielen kann.
Je nachdem wie geübt das Kind im Vorlesen ist, würde ich mit 2-3 Jahren zu den ersten Bilderbüchern mit Papierseiten greifen. Hier eignen sich einfache Erzählungen wie „Warten auf Goliath„, gereimte Bücher wie „Die Schnecke und der Buckelwal“ oder Bilderbücher, in denen es viel zu entdecken und benennen gibt: „Ich bin jetzt…“. Weiter kann man auch Wimmel- und Suchbilderbücher ausprobieren, manche Kinder sind dafür sehr empfänglich. Wenn die Kinder älter werden, sollte man auch schauen, was sie interessiert (Ritter, Tiere etc.), beziehungsweise, was sie gerade beschäftigt (Angst im Dunkeln/ Freundschaft). Für die Persönlichkeitsentwicklung ist es essentiell, dass Kinder Gefühle ausleben und benennen können, dafür gibt es einige gute Bilderbücher, ein Beispiel hierfür wäre „Wut!“. Wichtig ist es auch ohne Anlass über ernste Themen, wie Tod, Scheidung und Gewalt zu sprechen, denn die Lebenswelt der Kinder wird nicht immer davon befreit sein und auch wenn sie nicht direkt betroffen sind, möchten sie doch wissen, was dahintersteckt.
Haben die Kinder ein Lieblingsbuch erkoren, sollte man sie in ihrer Vorliebe und ihrer Auswahl unterstützen. Kinder lieben und brauchen Wiederholungen! Gleichzeitig darf das Lesen, auch dem Vorleser Spaß machen und auch die Erwachsenen dürfen neue Vorschläge einbringen. Wer weiß: Vielleicht ist das neue Lieblingsbuch dabei?

Bibliothek als großes Bücherregal

Empfehlenswert ist auch, wenn man mit den Kindern eine Bibliothek besuchen kann. So bekommen die Kinder Zugang zu einem gemeinnützigen Raum, der riesige Bücherschätze birgt. Die Kinder lernen, dass sie nicht jedes Buch besitzen müssen, sondern es einfach für eine Weile ausleihen können. Der Bibliotheksausweis ist für Kinder meist kostenfrei.

Mehr braucht es nicht, ein kuscheliges Plätzchen, ein Buch und die Bereitschaft sich auf das aufgeregte Zeigen und die Erzählungen der Kinder einzulassen. Wichtig sind der Dialog und das gemeinsame Staunen über Bilder und Worte – doch auch das will geübt sein, daher nicht wundern, wenn es ein bis zwei Wochen dauert, bis alle sich an das neue Ritual gewöhnt haben.

Viel Freude beim Lesen!

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